Willkommen in der Welt des Schreibens! Du liest diesen Beitrag bestimmt, weil du dich für das Schreiben interessierst und das ist toll. Welten zu bauen, Charaktere zu erschaffen und eine Geschichte zu entwickeln machen unglaublich Spaß. Aber wie fange ich überhaupt damit an?
Gleich vorab: Es gibt keine Formel, wie ein Roman zu verfassen ist. Das Schreiben ist ein kreativer Prozess durch und durch. Natürlich gibt es Richtlinien und Modelle, die genutzt werden können. Vielleicht hast du schon einmal etwas von der Heldenreise gehört, Show don’t tell oder Save the Cat. Viele Stories brechen aber mit diesen Regeln und funktionieren trotzdem – oder eben deswegen – sehr gut.
So weit bist du aber noch gar nicht. Du bist hier, weil du eine Idee im Kopf hast und nicht recht weißt, wie du sie auf Papier bringen kannst. Wie du deine ersten Zeilen, Absätze oder Kapitel schreiben sollst. Du fühlst dich überfordert, bevor du überhaupt begonnen hast.
Keine Sorge, so geht es vielen. Vielleicht hilft es dir, dir zunächst einmal Gedanken darüber zu machen, was für ein Typ Mensch du bist: Bist du planerisch, denkst in Konzepten und grübelst viel nach, bevor du eine Entscheidung triffst? Oder legst du bevorzugt gleich los, reflektierst lieber im Anschluss und legst viel Wert auf eine positive Fehlerkultur? Natürlich gibt es auch ein breites Spektrum dazwischen. Falls du jedoch eher zu Typ 1 gehörst, kannst du dich als einen „Outliner“ bezeichnen, während du dich als Typ 2 einen „Discovery Writer“ nennen kannst.
Klasse, jetzt hast du schon einmal einen Titel. Aber was bedeuten diese Begriffe?
Outliner sind Autor*innen, die eine namensgebende „Outline“ erstellen, einen Umriss des Romans, den sie schreiben wollen. Diese Outline bildet die Basis ihres gesamten Schreibprozesses. Darin enthalten sind beispielsweise eine grobe Zusammenfassung der Handlung, eine Gliederung, die Beschreibung der Welt und die darin vorkommenden Charaktere mit ihren Persönlichkeiten, Erscheinungsmerkmalen, Zielen, Motivationen, Beziehungen und Hintergründen. Wie groß und detailreich diese Outline ist, kann stark variieren. Manche überlegen nur, wie sich ihre Geschichten und Charaktere ungefähr entwickeln wollen, andere wissen schon genau, welche Elemente in einzelnen Kapiteln vorkommen sollen. Wie gesagt, das Spektrum ist groß. Falls du eine Outline für einen Roman möchtest, schreibe zunächst alle Gedanken und Ideen, du die bis jetzt im Kopf hast, einfach nieder. Du kannst die Outline jederzeit anpassen, auch während dem Schreibprozess. Anschließend kannst du darauf aufbauen und weitere Überlegungen anstellen. Scheue dich auch nicht davor, Tools wie Suchmaschinen oder KIs zu verwenden. Alles, was dir beim kreativen Prozess hilft, ist erlaubt.
Beispiel aus der Praxis: Ich hatte im Sommer 2022 die Idee zu meinem Roman „Legenden der Ta’el“. Lange Zeit hatte ich aber nur die Grundidee im Kopf, oder besser gesagt, eine Frage: Wie würde das Mittelalter mit Pokémon aussehen? Die Ausgangslage gefiel mir gut und ich wusste, dass es nicht nur ein Buch werden soll, sondern eine Reihe aus drei oder mehr Teilen. Schon allein deshalb erschien mir eine Outline sinnvoll. Ein Jahr später habe ich mich näher mit der Idee beschäftigt und sie weitergesponnen. Die Wesen in meiner Welt sollten Geister sein. Diese Geister haben verschiedene Elementarkräfte. Sie können von Trainern gefangen werden. Nein, keine Trainer. Ich nenne sie lieber Bändiger. Aber in welcher Gesellschaft leben diese Bändiger? Wie könnte das Land unterteilt sein? Und wieso leben die Geister überhaupt in diesem Land?
Bei vielen meiner Fragen half mir ChatGPT. Ich habe die KI mit meinen bisherigen Gedanken gefüttert und sie hat mir Ideenanstöße geliefert. Ich habe die Welt weiter ausgebaut und mir Gedanken zu meinen Hauptcharakteren gemacht. Fünf wollte ich haben, allerdings wurden es am Ende nur vier. Ich hatte alle Ideen in vier Handlungsstränge untergebracht und sah keinen Grund mehr für einen fünften. Ich wusste, wie ihre Handlungsstränge bis zum Ende aussehen würden. Ich wusste auch, was im Höhepunktmoment passieren soll, allerdings ließ ich offen, was meine Charaktere zu dem Zeitpunkt genau machen. Für mich war das aber schon ausreichend, um mit dem Schreiben zu beginnen. Viele Details habe ich bewusst offen gelassen, da sie für meine Handlungsstränge nicht wichtig waren und meine Welt auch ohne sie funktioniert hätte.
So, das war im Groben der Prozess einer Outline. Wie sieht es nun mit dem zweiten Typ, dem Discovery Writer, aus?
Wie der Name aus dem Englischen schon andeutet, gehen Discovery Writer während des Schreibens auf Entdeckung. Sie haben eine Grundidee und legen direkt los, ohne sich sonderlich Gedanken dazu zu machen, wohin sich ihre Charaktere entwickeln werden, auf welche Herausforderungen sie stoßen oder welche Entwicklungen sie durchleben. All das überlegen sie sich während dem Schreiben. Oder sie überlegen es sich gar nicht, sondern machen einfach das, was sich richtig anfühlt. Während die Outliner eher die „Denkenden“ sind, kann man die Discovery Writer wohl als „Fühlende“ bezeichnen. Das klingt für manche vielleicht kopflos, hat aber durchaus Vorteile. Die Autor*innen lernen ihre Welt, ihre Charaktere und ihre Geschichte während dem Schreiben kennen und verfangen sich nicht in einem Rahmen, den sie sich selbst vorgelegt haben. Wer dem Bauchgefühl folgt, lässt auch meistens viel von sich selbst – den eigenen Überzeugungen, Anschauungen und Einstellungen – in die Story einfließen, wodurch sie sich authentisch und einzigartig anfühlt.
Das kann natürlich auch bei einem Outliner der Fall sein. Ebenso kann ein Discovery Writer aus dem Gefühl heraus eine gut strukturierte Handlung verfassen. Wichtig ist in beiden Fällen Flexibilität. Scheue dich nicht davor, deine Outline anzupassen oder sogar zu verwerfen, wenn deine Geschichte eine völlig andere Richtung nimmt als erwartet. Und wenn du dir beim Schrieben ziellos vorkommst, hilft es dir vielleicht, einen Schritt zur Seite zu machen und aufzuschreiben, wohin du eigentlich willst.
Ich selbst war früher ein starker Discovery Writer. Wie ich in meinem letzten Blogartikel verraten habe, war „Rosewood“ nicht einmal eine Idee, die Story hat sich aus den Zeilen, die ich aus dem Nichts heraus geschrieben habe, entwickelt. Es hat mir enormen Spaß gemacht und ich habe die gesamte Trilogie wie im Flug verfasst. Allerdings musste ich im Nachhinein vieles umschreiben, eben weil ich mir im Vorhinein so wenige – oder gar keine – Gedanken gemacht habe. Einige Elemente haben im Großen und Ganzen einfach nicht so gut funktioniert. Für den ersten Teil der Trilogie hatte ich nicht einmal einen spannenden Höhepunkt am Ende. Es gab einen Zwist zwischen zwei Charakteren, der aber erst im zweiten Teil zur Geltung kam. Deshalb habe ich Jahre später das gesamte letzte Drittel umgeschrieben und eine Schlacht hinzugefügt.
Für „Das Lied des Barden“ hatte ich einen groben Handlungsstrang, den ich auf zwei Seiten niedergeschrieben habe, und auch eine Charakter-Liste, mit ihren wichtigsten Eigenschaften. „Traumtänzer“ war schon etwas detailreicher geplant, allerdings habe ich mich dort gezwungen, alles von der Outline in den Roman hinein zu schreiben, weshalb die Lesenden an manchen Stellen zu viel Hintergrundinformationen auf einmal bekamen. Erst mit „Der Bund der Schamanen“ schien ich einen guten Mittelweg gefunden zu haben. Die Outline hat mir sehr geholfen, spannende und ruhige Momente in einem ausgewogenen Lot zu halten. Einer meiner beiden Hauptcharaktere hat sich durch die Umstände, in denen sie sich befand, aber eine ganz andere Persönlichkeit spendiert bekommen, als ich geplant hatte.
Du siehst, es kann so oder so laufen. Tu das, was sich für dich richtig anfühlt, sei flexibel und hab Spaß. Falls du jedoch immer noch keine Ahnung hast und du nach einem konkreten Tipp suchst, rate ich dir folgendes: Fang einfach an. Setz dich einfach hin und leg drauf los. Du musst das, was du schriebst, nicht zwangsweise für deinen Roman verwenden. Du kannst es später auch umschreiben oder herausnehmen. Hauptsache, du lässt deiner Kreativität freien Lauf. Und sei stolz darauf! Einen Roman zu schrieben ist nichts, das man an ein paar Wochenenden erledigt hat. Es ist ein gewaltiges Unterfangen und jedes Kapitel, jeder Absatz und jede Zeile ist wahnsinnig lehrreich und ein Schritt nach vorne. Vergiss nicht: Der Weg ist das Ziel. Hab eine gute Zeit. Nur darauf kommt es im Endeffekt an.
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