Ich werfe mal ein umfassendes Thema in den Ring: Kampfszenen – ein Ereignis innerhalb der Handlung, in denen zwei oder mehrere Charaktere eine handgreifliche Auseinandersetzung haben, meist mit der Intention, gegen den oder die anderen zu gewinnen. Das kann eine großangelegte Schlacht mit Pistolen und Kanonen sein, ein freundschaftliches Duell mit Schwertern, eine wilde Barschlägerei usw. Also, stürzen wir uns ins Gefecht und schauen wir uns an, was einen spannenden Kampf ausmacht.
Warum kämpfen wir überhaupt?
Nun, viele Geschichten brauchen überhaupt keine Kampfszenen. In Fantasy, Science Ficition, Abenteuerromanen und vielen mehr gehören sie jedoch weitgehend zur Norm und das aus gutem Grund. Sie versprechen Spannung, stellen oft Wendepunkte der Story dar, zeigen die Welt aus einem bestimmten Blickwinkel und können zur Entwicklung von Charakteren beitragen – oder sie aus der Geschichte entfernen, wenn sie im Kampf ihr Leben lassen. Es gibt viele gute Gründe für Kampfszenen, aber auch einige schlechte …
Niemals leichtsinnig zum Schwert greifen
Meiner Meinung muss eine Kampfszene immer einen Zweck erfüllen. Es ist keine gute Idee, Charaktere aus folgendem Gedanken heraus kämpfen zu lassen: „Hmm, es gab schon lange keinen Kampf mehr …“ Spannung kommt nicht daher, dass sich zwei Kerle mit Schwertern verprügeln, sie kommt von Veränderungen, davon, etwas Neues zu lernen, oder von der Angst vor dem Ungewissen. Wenn unsere Protagonistin, eine fähige Kriegerin, von einem wilden Eber überrascht wird und sich plötzlich in Kampf wiederfindet, können wir davon ausgehen, dass sie die Auseinandersetzung gewinnen wird. Immerhin ist sie eine Kriegerin und das wilde Tier nur ein Hindernis auf ihrem Weg. Warum der Kampf dennoch spannend sein könnte, beschreibe ich später. Wichtig zu wissen an dieser Stelle ist nur, dass Kämpfe immer mehr sein sollten als die reine physische Auseinandersetzung. Ihr könnt ruhig sparsam mit euren Kampfszenen umgehen, wenn die wenigen, die ihr habt, dafür umso bedeutungsvoller sind.
Ein guter Kampf ist wie ein köstliches Rezept
Was meine ich damit? Ganz einfach: Eine gute Kampfszene besteht aus mehreren Zutaten, die harmonisch ineinander übergehen und entsprechend zubereitet ein rundes Gericht ergeben. Die Spannung dient als Basis, dazu gibt es eine Prise Weltenbau und ein Klecks Charakterentwicklung obendrauf. Manche Gerichte schmecken auch ohne der Prise Weltenbau lecker, aber dann sollten die anderen Zutaten so deftig sein, dass niemand sie vermisst. Das wichtigste ist aber der Rahmen, der alles zusammenhält, bevor die Szene in den Ofen geschoben wird: die Ausgangslage. Lesende müssen wissen, warum gekämpft wird, was der Ausgang des Kampfes für Auswirkungen hat und wozu die Kämpfenden in der Lage sind. Nun, fast. Oft lernen wir erst in einem Kampf Charaktere kennen und erfahren hier erstmals über ihre Fähigkeiten. Aber keine Sorge, ich gehe auf jeden einzelnen Punkt ein.
Welten bauen mithilfe von Gewalt
Gerade zu Beginn einer Geschichte kann ein Kampf sehr deutlich zeigen, wie die Welt, in der die Story spielt, funktioniert. Welten mit einem Magiesystem können sie besonders gut nutzen. Brandon Sanderson startet in „Der Weg der Könige“ gleich mit einem Attentat auf den König, in dem er den Lesenden durch die Szeth das Magiesystem erklärt und zusätzlich einen Einblick in die politische Lage gewährt. Sein Ansatz ist nicht gerade subtil, aber Sanderson war es wichtig, dass wir gleich zu Beginn ganz klar die Regeln und Limitierungen der Magie in seiner Welt verstehen. Frank Herbert lässt in „Dune: Der Wüstenplanet“ seinen Protagonisten Paul Atreides schon sehr früh in der Geschichte gegen Gurney Halleck in einem Übungsduell antreten. Wir lernen nicht nur etwas über die Funktion von Körperschilden, sondern auch, das die Menschen trotz Raumschiffe und anderen technologischen Wundern dennoch mit Schwertern gegeneinander Kämpfe führen. Besonders clever finde ich, dass der erste Kampf in der Story genau wie der letzte Kampf ein Duell ist, aber Paul im Lauf der Geschichte eine Entwicklung durchlebt hat und Ablauf sowie Ausgang deshalb völlig anders sind.
Dein Kampfschrei ist Musik in meinen Ohren
Ein früher Kampf kann die Tonalität der Geschichte setzen. Wenn es in einem Duell innerhalb der ersten Seiten um Ehre geht, vermittelt mir das als Leser, dass dieses Thema auch im weiteren Verlauf wichtig sein wird. Wenn in einer brutalen Schlacht zu Beginn im Detail beschrieben wird, wie Blut spritzt, Gliedmaßen abgetrennt werden und die Todesschreie der Sterbenden die Luft erfüllen, stelle ich mich auf eine brutale und unbarmherzige Handlung ein. Halleck macht Paul in ihrem Übungskampf klar, dass er sein Training ernstnehmen soll, da er bald nach Arrakis aufbricht und er auf diesem harschen Planeten auf alles gefasst sein muss – was wir später in aller Deutlichkeit sehen.
Steh auf, wenn du fällst
Ganz wichtig finde ich die Auswirkungen von Kämpfen auf die Charaktere in einer Geschichte, warum sie überhaupt kämpfen, wie sie in so einer Situation handeln und was sie daraus lernen. Paul hat anfangs überhaupt keine Lust, gegen Halleck zu kämpfen. Er ist mit anderen Dingen beschäftigt und ist generell kein Mensch, der auf Konfrontation aus ist. Aber Halleck zwingt ihn aus bereits genanntem Grund. Paul stellt sich nicht schlecht an, unterliegt seinem Lehrer aber. Am Ende ist er dankbar für die Lektionen, die er daraus zieht. Das sagt viel über Paul aus. Nach dem Kampf mögen beide noch aufrecht stehen, aber ihre Beziehung hat sich gefestigt und Paul hat etwas gelernt. Auch über Halleck verrät uns dieser Kampf viel. Es ist die erste Szene mit diesem Charakter und auch, wenn er nicht der Kampfmeister ist, beherrscht er dieses Handwerk und ist sehr weise. Kämpfe können also auch ein gutes Mittel sein, um Charaktere in die Geschichte einzuführen.
Aus all diesen Gründen kann ein „Wegwerfkampf“, wie ich ihn vorher mit der Kriegerin und dem Eber beschrieben habe, dennoch einen Wert haben, wenn wir dadurch viel über die Welt erfahren, ein Gefühl für die Tonalität der Geschichte bekommen oder einen Charakter näher kennenlernen. Im besten Fall werden alle drei Zwecke auf einmal erfüllt. Vielleicht hat der Eber eine Krankheit, die ihn wild werden lässt und die im Verlauf der restlichen Handlung eine Rolle spielt. Die Kriegerin unterschätzt das Tier anfangs, bis es fast einen tödlichen Treffer landet, was sie lehrt, Tiere mit dieser Krankheit ernst zu nehmen. Als sie das Tier schließlich niederstreckt, wird das sehr subtil beschrieben und es ist innerhalb weniger Augenblicke vorbei. In der Geschichte mag der Tod nicht ungewöhnlich sein, aber es wird wenige bis gar keine brutalen, grausamen und blutrünstigen Szenen geben.
Ähm … Wieso prügeln wir uns eigentlich?
Eine Kampfszene kann alle vorher genannten Zwecke erfüllen und trotzdem nicht funktionieren, wenn essenzielle Gegebenheiten nicht vorliegen. Den Lesenden muss klar sein, warum überhaupt gekämpft wird. Muss der Jäger einfach nur sein Leben verteidigen oder bekämpft er den Tiger, weil er ihn häuten und seinen Pelz haben will? Stehen sich die Brokkolikrieger und die Tomatenritter in einer Schlacht gegenüber, weil sie das Land der anderen Fraktion erobern wollen oder weil eine generationsübergreifende Blutfehde sie quasi dazu zwingt? Im selben Zug sollte auch immer beantwortet werden, was auf dem Spiel steht und was der Ausgang des Kampfes bedeutet. Der Jäger stirbt oder bekommt seinen Pelz. Die Brokkolikrieger verlieren ihr Land oder schlagen eine von vielen Schlachten, die nur aufgrund einer längst vergessenen Tat eines Urvaters tausende Opfer fordert. Zuletzt muss noch klar sein, wozu die Kämpfenden in ihrer Auseinandersetzung in der Lage sind. Der Jäger hat seinen Bogen, der Tiger seine Klauen. Die Brokkolikrieger ziehen mit Musketen in die Schlacht, die Tomatenritter haben Pistolen und Schwerter.
Nicht all diese Information müssen bis ins Detail klar sein, noch bevor der Kampf beginnt, vor allem nicht, wenn der Kampf sehr früh in der Story stattfindet, denn dort sind vor allem Weltenbau, Tonalität und die Einführung der Charaktere im Vordergrund. Wenn wir den Jäger erst im Kampf gegen den Tiger kennenlernen, sind wir überrascht und neugierig, wenn er sich plötzlich in einen Werwolf verwandelt. Wenn das aber nach fünfhundert Seiten passiert, nachdem es weder etabliert noch angedeutet wurde, ist das schlichtweg ein Kontinuitätsfehler.
Immer auf den Füßen bleiben!
Bedenkt auch immer die Umgebung, in der die Charaktere kämpfen. Gerade eine Schlacht wird oft durch Wetter, Untergrund, Höhenunterschiede und vieles mehr beeinflusst. Eine Barschlägerei wiederum kann davon profitieren, wenn ihr beim Schreiben herumstehende Gläser, Flaschen und Stühle miteinbezieht. Wie ich bereits geschrieben habe, müssen nicht alle Details im Vorhinein klar sein, aber auf die Umgebung geht ihr am besten noch vor dem Kampf ein, um den Lesenden schon zu Beginn ein klares Bild zu geben und sie nicht während der Szene mit Beschreibungen zu langweilen. Falls ein räumliches Element während des Kampes eine Rolle spielt, lenkt gezielt die Aufmerksamkeit darauf. Auf der Theke stehen während der Barschlägerei mehrere Flaschen. Einer der Schläger steht dort bewusst und verlässt seine Position kaum, weil er im richtigen Moment danach greift und damit seinen Gegner niederschlägt. Die Flasche ist hier ein wichtiges Element, auf das auch während des Kampes immer wieder aufmerksam gemacht werden kann.
Muss ich Kampfsportler sein, um gute Kampfszenen schrieben zu können?
Nein, natürlich nicht. Nach der Logik müsste auch jeder Thriller-Schreiberling ein Mörder sein. Aber es hilft natürlich, wie bei allem, worüber man schreibt, sich mit der Thematik ein wenig zu beschäftigen, um eine möglichst authentische Geschichte zu erzählen. Wie detailliert der Kampf beschrieben sein soll, müsst ihr selbst entscheiden. Wenn es zur Tonalität eurer Geschichte passt, könnt ihr euch ruhig austoben und in allen Einzelheiten schildern, wie dem Trunkenbold während der Barschlägerei die Nase gebrochen wird oder wie dem Soldaten nach einem Treffer mit dem Schwert die Eingeweide aus dem Bauch quillen. Nutzt alle Sinne. Schweißgeruch, Gebrüll, Stöhnen, Blutgeschmack, das Gefühl der Waffe in den Händen … All das steigert die Immersion. Und fokussiert euch nicht nur auf das Was, sondern auch darauf, wie die Charaktere in der Szene fühlen und denken. Ein Kampf ist anstrengend, hektisch, fordernd, und oft schwebt die Angst vor dem Versagen oder Schlimmeren wie eine dunkle Wolke über allen Beteiligten. Jedenfalls sollten sich eure Charaktere auch innerhalb von Kämpfen selbst treu bleiben. Sind sie ängstlich, reden sie viel, sind sie arrogant, gelassen, brutal, …? All diese Eigenschaften können und sollten sich auch in ihren Gedanken und Handlungen während des Kampfes widerspiegeln.
Verliert euch aber nicht in Details und fokussiert euch auf das Wesentliche. Vielleicht seid ihr fasziniert von Schlachtordnung und wollt unbedingt die korrekte Aufstellung der Truppen beschreiben, aber wenn eine Kanonenkugel einschlägt und alles durcheinanderbringt, habt ihr die Information geliefert aber nichts damit gemacht. Set-up und Pay-off sind hier das Stichwort. Denkt an das Beispiel der Barschlägerei mit den Flaschen auf der Theke. Falls die Schlachtodnung relevant ist, weil sie im entscheidenden Moment den Sieg bringt, ist es nicht nur „erlaubt“, sondern notwendig, ihr ein wenig Aufmerksamkeit zu geben. Aber vergesst eines nicht: Da wir keinen Film schauen, sondern ein Buch lesen, können wir noch so detailreiche Beschreibungen geben – die Lesenden werden sich dennoch immer die Szene in ihren Köpfen vorstellen müssen. Nutzt das zu eurem Vorteil. Einfache und vage Beschreibungen sind oftmals völlig ausreichend, um sich in einer Szene zurechtzufinden. Die Einzelheiten entstehen ohnehin in unseren Köpfen.
Kurze, prägnante Sätze zu schreiben, wie man es oft als Tipp liest, halte ich nicht für notwendig. Ich sehe keinen Grund, den Schreibstil ändern, nur weil die Szene eine andere ist. Als bewusstes Stilmittel könnt ihr so etwas durchaus tun, ich empfehle aber generell, dem eigenen Schreibstil treu zu bleiben und sich nicht irgendwelchen „Regeln“ zu beugen. Authentizität ist auch hier wieder das Stichwort. Probiert euch einfach aus und bleibt bei dem, was sich am besten anfühlt.
Noch ein letzter Tipp: Bedenkt, dass ein Kampf nicht nur für eure Charaktere anstrengend sein kann. Es passiert sehr viel in teilweise sehr kurzer Zeit. Gedanken, Gefühle und Ereignisse überschlagen sich. Wenn auch noch die Existenz einer oder mehrerer Figuren auf dem Spiel steht, fordert das von eurem Publikum sehr viel emotionale Investition. Das kann und wird anstrengend sein über die Zeit. „Action-Müdigkeit“ oder „Action Fatigue“ im Englischen beschreibt, wenn eine Geschichte so stark auf Action setzt, dass die Szenen irgendwann ihre Wirkung verlieren. Das Publikum fühlt sich dann überwältigt oder gelangweilt, weil die Spannung und der Nervenkitzel nachlassen, wenn ein Höhepunkt den nächsten jagt, ohne genug Abwechslung oder Zeit zum Durchatmen dazwischen.
Hinterlasse einen Kommentar