Schreibtipp: Charaktertode

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Reden wir über ein düsteres Thema: den Tod.

Nun gut, über den Tod von fiktionalen Charakteren. So düster wird es also hoffentlich nicht werden. Aber es ist definitiv ein Thema, über das man sich auch als Schreiberling Gedanken machen sollte. Jeder von uns kennt Momente, in denen der Lieblingscharakter in einem guten Buch, einer Serie, einem Film oder sonstigem Medium stirbt und es uns das Herz bricht. Aber es gibt auch die Momente, in denen wir nichts fühlen oder sogar frustriert sind. Wie wir jemanden möglichst effektiv unlebendig machen können (natürlich nur in einer Story …), verrate ich in diesem Blogpost.

Spoilerwarnung zu Star Wars Episode 4 (George Lucas), Staffel 1 von „Game of Thrones (HBO), dem zweiten und fünften Band der „Die Zwerge“-Reihe (Markus Heitz) und Staffel 5 & 7 von „The Walking Dead“ (AMC).

Warum musste er sterben?

Ganz einfach: Manchmal ist es notwendig, um die Geschichte voranzutreiben oder Gefühle in unseren Lesenden zu wecken. Um Emotionen geht es doch im Endeffekt. Wir wollen nicht nur, dass sich unser Publikum Gedanken zu unserer Geschichte macht und vielleicht sogar etwas fürs Leben lernt, sondern auch, dass sie beim Lesen etwas fühlen. Sie sollen unterhalten werden. Und Unterhaltung muss nicht immer positiv sein. Sonst hätten Tragödien, Horror, Dramen usw. gar keine Berechtigung.

Ein guter Indikator, wie emotional investiert die Lesenden in einen Charakter sind, ist die eigene emotionale Bindung. Wenn es euch in der Seele wehtut, einen eurer Lieblinge loszuwerden, ist die Chance hoch, dass euer Publikum genauso empfindet. Ja, es mag schwierig sein, sich von einer eigenerschaffenen Figur, die man liebgewonnen hat, zu trennen. Aber wie im echten Leben muss man manchmal loslassen können.

Im besten Fall beeinflusst ein Charaktertod nicht nur unsere Gefühlswelt, sondern auch den Plot. Klar: Ohne Opfer gäbe es keine Krimis. Der Detektiv braucht eine Leiche, um einen Mord untersuchen zu können. In diesem Fall bewegt der Tod einer Figur einen Charakter zur Handlung. Das kann auch auf andere Arten geschehen. Der Tod des Mentors kann den Helden dazu motivieren, auf Abenteuer zu gehen. Luke Skywalker in Star Wars schloss sich erst der Rebellion an, als Obi-Wan sein Leben opferte. Robb Stark in Game of Thrones zog erst in den Krieg, als sein Vater in Königsmund hingerichtet wurde.

Im Endeffekt bestimmen immer diese beiden Faktoren, ob der Tod einer Figur effektiv und überhaupt notwendig ist. Im Folgenden gehe ich die Charaktertypen je nach ihrer Bedeutung in der Story durch und analysiere, wann sie das Recht haben, zu sterben. (Okay, das klang jetzt doch wieder düster …)

Der Tod von Statisten

Fangen wir mal mit den „unwichtigsten“ Charakteren in einer Geschichte an, jene, die man ohne großen Herzschmerz über die Klinge springen lassen kann: Statisten, auch tertiäre Figuren genannt. Das sind einfache Figuren mit geringer Bedeutung, zum Beispiel ein Gastwirt, eine Nachbarin, ein Sitznachbar im Flugzeug … Sie haben höchstens ein paar Zeilen Dialog und keine bis nur sehr oberflächliche Charaktereigenschaften. Solche Statisten gibt es in beinahe jeder Geschichte. Und da wir als Lesende sie kaum kennenlernen, können sie sterben, ohne dass ihr Ableben uns stark emotional trifft – wenn überhaupt. Die Art ihres Todes hingegen kann definitiv emotionale Reaktionen hervorrufen. Zum Beispiel können wir als Autor*innen die Grausamkeit von Antagonisten vermitteln, wenn der Mörder in einem Thriller seine Opfer vor ihrem Tod häutet und ihnen langsam alle Gliedmaßen abtrennt, oder wenn die böse Hexe unschuldige Kinder in einen Kochtopf wirft und sie aufisst. Auch die Heftigkeit einer Katastrophe kann dadurch gezeigt werden, dass Menschen bei einem Erdbeben ums Leben kommen, wenn ihre eigenen Häuser über sie einstürzen, oder der Superlaser einer Raumstation den Heimatplaneten unserer Protagonistin mit all seinen Einwohner*innen in die Luft jagt.

Ist euch etwas aufgefallen an meinen Beispielen? Ich habe nie Zahlen angeführt. Oft neigt man dazu, besonders hohe Opferzahlen zu verwenden, um eine Katastrophe noch katastrophaler erscheinen zu lassen. Das kann gut funktionieren, wenn wir den Maßstab wissen und verstehen. Wenn wir Schreiberlinge zu Beginn einer Schlacht etablieren, dass die Armee aus Zehntausend Soldaten besteht, und am Ende nur noch Dreihundert übrig sind, wissen wir, dass ein hoher Preis für den Sieg gezahlt wurde. Wenn wir allerdings von einer außerirdischen Rasse sprechen, die das bewohnte Universum unsicher macht und schon Zehnmilliarden intelligente Wesen getötet hat, haben wir ohne Kontext keine Ahnung, was das bedeutet. Zehnmilliarden mag nach viel klingen, aber wenn das gesamte Universum bewohnt ist, könnte das nur 1 % aller intelligenten Wesen sein, oder sogar noch viel weniger. Oft ist das „wie“ wesentlich wirkungsvoller als „wie viel“. Wenn die außerirdische Rasse über Planeten hinwegfegt und Bewohner tötet, als wäre sie ein Heuschreckenschwarm, der über saftig grüne Felder fliegt und nichts als Einöden zurücklässt, habe ich als Leser vor ihnen mehr Angst, als wenn ich blanke Zahlen präsentiert bekomme.

Der Tod eines Nebencharakters

Ich habe bereits geschrieben, dass der Tod einer Mentorin die Heldin dazu motivieren kann, sich in das Abenteuer zu stürzen. Wenn es auch noch eine sehr sympathische Figur war, erfüllt dieser Tod gleich zwei Funktionen: Die Handlung wird in Gang gesetzt und wir fühlen mit unserer Heldin. So etwas lässt sich natürlich auf viele Rollen ummünzen. Der Tod seiner Tochter durch die Hand eines Attentäters aus dem Feuerreich bringt den Grafen des Wasserreichs dazu, sich mit dem Herzog des Windreiches zu verbünden, um Krieg gegen das Feuerreich zu führen. Der Geliebte unserer Protagonistin stirbt, was sie dazu bewegt, voller Trauer ihr eigenes Leben zu beenden. Nachdem die Polizistin im Einsatz aus Versehen ihre Kollegin erschießt, legt sie ihre Marke ab und greift nie wieder zur Waffe. Achtet immer darauf, dass diese beiden Funktionen beim Tod eines Nebencharakters erfüllt werden. Das muss nicht jedes einzelne Mal der Fall sein, aber es wird den größten Effekt erzielen.

Der Tod des Antagonisten

Meistens stellt der Tod des großen Widersachers den Abschluss der Handlung dar. Wenn der Feind besiegt ist, kann wieder Frieden einkehren. Ob der Antagonist dabei sein Leben lassen muss, ist allerdings eine eigene Frage. Für einen eindeutigen Abschluss ist das meist zielführend. Manche Antagonisten sind so verdorben, dass nur der Tod sie aufhalten kann. Andere sind jedoch missverstanden oder fehlgeleitet. Sie am Leben zu lassen, kann als Akt der Gnade die Hauptfigur sympathischer machen. Oft passt es gar nicht zu den Prinzipien der Protagonistin, jemanden zu töten. Den Antagonisten einzusperren, zu verbannen oder ihn auf anderem Weg unschädlich zu machen, lässt außerdem immer ein Fenster für eine Fortsetzung offen. Feinde können zu Verbündeten werden oder als noch gefährlichere Gegner wiederkommen.

Der Tod des Protagonisten

Nicht nur Tragödien lassen ihre Hauptcharaktere sterben. In gleich zwei meiner High-Fantasy-Romane habe ich mich von meinem jeweiligen Protagonisten verabschiedet. Einer von ihnen hat das ultimative Opfer erbracht und damit seine Heimat gerettet, der andere hat mehr oder weniger das Gegenteil getan. Jedenfalls haben beide mit ihren Taten die Welt drastisch verändert. Protagonisten tragen uns durch die Geschichte, deshalb muss ihr Tod auch bedeutungsvoll und dramatisch sein. Wie in beiden Beispielen ersichtlich, können sie damit Hoffnung oder Verzweiflung wecken, je nach Intention der Autorin oder des Autors. Dass ihr Ableben starke Emotionen hervorrufen sollte, ist selbstverständlich.

Lasst sie nicht sterben – und wenn doch, dann richtig

Nicht jede gute Geschichte erfordert Opfer. Wenn ihr es nicht als notwendig erachtet, jemanden in eurer Story sterben zu lassen, weil der Tod weder für einen anderen Charakter noch für die Handlung relevant ist, dann lasst es einfach. Und das sage ich als Fantasy-Autor, der oft große Schlachten und Kriege schreibt, welche das Schicksal der Welt beeinflussen. Ja, ein Sieg kann sich wertvoller und verdienter anfühlen, wenn viele bedeutende Opfer erbracht werden mussten, um ihn zu erlangen – aber dafür muss nicht immer ein geliebter Nebencharakter hinhalten. Vor allem, wenn er nur stirbt, damit jemand gestorben ist.

Werfen wir einen Blick auf Positiv- und Negativbeispiele von Charaktertoden. Mein liebster Vergleich stammt aus der „Die Zwerge“-Reihe von Markus Heitz. Am Ende des zweiten Bandes stirbt in der finalen Schlacht der Nebencharakter Boëndal, der seit dem ersten Teil ein Begleiter des Protagonisten ist. Am Ende des fünften Teiles stirbt in der finalen Schlacht Gosalyn, aus deren Sicht wir einen Teil der Handlung erlebt haben. Während mich der erste emotional mitgenommen hat, habe ich beim zweiten Tod nur Verwirrung und Wut empfunden. Warum?

Boëndal stand dem Protagonisten und vor allem seinem Bruder Boïndil sehr nahe. Boëndal war der ruhige Kerl, während Boïndil der Hitzkopf war. In der letzten Schlacht steht er mutig Seite an Seite seines Bruders und des Protagonisten, wird allerdings tödlich verwundet und stirbt, nachdem alles vorbei ist. Boïndil ist erschüttert und wird nach dem Ableben seines Bruders viel ruhiger. Dramaturgisch gesehen hat dieser Tod für mich gut funktioniert. Sein Tod mag die Handlung nicht vorangebracht haben, die Schlacht war quasi schon vorbei, allerdings war sein Opfer bedeutungsvoll und vor allem hat er den Charakter von Boïndil stark beeinflusst.

Gosalyn wird während der letzten Schlacht verraten und ermordet. Wir lesen über ihren Tod allerdings erst, als sich der Protagonist der Verräterin stellt und diese ihm offenbart, dass sie Gosalyn getötet hat. Sie stirbt also zwischen den Zeilen. Und da sich der Protagonist ohnehin schon der Verräterin gestellt hat, hat ihr Tod auch keine Auswirkungen auf die Handlung. Sie hat durch die hinterlistige Tat nicht einmal ein würdiges Ende gefunden.

Das zweite Positiv- und Negativbeispiel sind die Tode von Beth und Glenn in The Walking Dead. Beide sterben überraschend, aber die emotionale Effektivität könnte kaum unterschiedlicher sein. Glenn war seit der ersten Staffel dabei und ein Publikumsliebling. In der ersten Folge der siebten Staffel stirbt er schließlich durch die Hand von Negan, der in derselben Szene das erste Mal auftaucht. Er wurde schon einige Folgen zuvor als Antagonist etabliert, allerdings haben wir bis jetzt nur von ihm gehört und ihn nie gesehen. Der Protagonist Rick und seine Gruppe werden am Ende der sechsten Staffel von ihm gefangengenommen und weil sich Rick nicht an seine Regeln hält, bringt er Glenn kaltblütig um. Das zeigt uns Zuschauenden, dass Negan seine Regeln verdammt ernstnimmt und zu grausamen Taten fähig ist. Weil Rick nicht will, dass noch mehr seiner Leute sterben, wird er vom starken Anführer zum unterwürfigen Gefolgsmann. Dramaturgisch gesehen funktioniert Glenns Tod auf drei Arten: Negan wird in seiner allerersten Szene stark charakterisiert, Rick muss sich ihm unterordnen, was die gesamte Handlung beeinflusst, und wir betrauern den Tod einer beliebten Figur.

Beth hingegen stirbt am Ende der fünften Staffel, nachdem sie in dieser Staffel erst charakterisiert wurde. Bis dahin war sie eher eine Randfigur. Letztendlich ist ihr Tod nur ein Unfall. Mich hat das verwirrt und wütend gemacht, weil ihr Ableben die Handlung keineswegs beeinflusst hat und die Serie Zeit damit „verschwendet“ hat, einen Charakter aufzubauen, nur um ihn gleich darauf loszuwerden. Man bekommt das Gefühl, dass Beth nur für den Schock-Wert sterben musste. Etwas, das die Serie auch später leider viel zu oft gemacht hat.

Dieses Wissen solltet ihr ins Grab mitnehmen:

Der Tod eines Charakters sollte die Handlung vorantreiben und andere Charaktere beeinflussen oder sie überhaupt erst charakterisieren. Wenn beides nicht gegeben ist, überlegt euch, ob eure Figur wirklich sterben muss. Denn eines kann ich todsicher behaupten: Handlungen, in denen ein Charakter nur des Sterbens wegen stirbt, kann ich auf den Tod nicht ausstehen.

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